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„Crowdsourcing“- Was ist das eigentlich?

Alle reden davon, kaum einer weiß, was er damit meint und kaum jemand meint das, was der andere meint, wenn er davon redet. Und bei aller Unklarheit schwingt etwas mit, das sich am ehesten als Skepsis, vielleicht sogar einem Unwohlsein fassen lässt. Warum eigentlich?

Wenn man sich bei einem der größten und erfolgreichsten Crowdsourcing-Projekte überhaupt – bei Wikipedia – schlau macht, erfährt man, dass Crowdsourcing die „Auslagerung auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von Freizeitarbeitern im Internet“ ist.

Man verlässt sich also auf die „Intelligenz“ einer „Masse“ von „Freizeitarbeitern“. Oh mein Gott! Wen das nicht skeptisch macht, dem ist nicht zu helfen. Menschenmassen machen immer skeptisch und wenn sie noch intelligent sein sollen, umso mehr. Unwillkürlich denkt man an Horden von Fußballfans, an Besucher von Rockkonzerten und anderen Großveranstaltungen, an Großdemos von Gewerkschaften, … und schaudert.

Es sei denn, man hat die beiden grundlegenden Prinzipien des Crowdsourcing verstanden.
1) Eine Masse von Menschen bedeutet Potenzial. Je größer die Masse ist, desto höher ist die Chance auf ein gutes Ergebnis.
2) Es kommt nicht primär auf die Intelligenz der Leute an, die sich an einem Projekt beteiligen, sondern auf die Intelligenz des Systems, in dem sie arbeiten.

Masse als Potenzial
Nicht jedes Projekt, das Input von anderen (auch wenn es viele sind) einsammelt, ist Crowdsourcing. Eine Anthologie von Essays oder Erzählungen ist kein Crowdsourcing-Projekt. Genauso wenig die Sammlung von Rezensionen eines vordefinierten Teilnehmerkreises oder die Entwicklung einer Produktidee durch ein Team ausgewählter Freelancer. Da können Hunderte an einer Fragestellung arbeiten und doch sind das ganz normale Formen der Zusammenarbeit, wie sie für unsere fragmentarisierte Lebenswelt typisch und unerlässlich sind.
Entscheidend fürs Crowdsourcing ist, dass die Teilnehmer vorher nicht bestimmt und vorausgewählt werden. Im Crowdsourcing geht es um eine unbegrenzte Anzahl von Leuten, die sich in eine Aufgabe einbringen. Die Aufgabenstellung ist also erst mal für jedermann offen. Es wird kein Team oder Teilnehmerkreis vorab definiert und das Projekt auf diese Leute festgelegt. Das ist wichtig, denn mit der Vorauswahl der Inputgeber wird ja schon sehr massiv entschieden, wie das Endergebnis aussehen wird. Außerdem nimmt man dem Projekt mit einer Vorauswahl von Teilnehmern das eigentliche Potenzial. Je mehr Leute sich beteiligen, desto höher ist die Chance auf guten Input. Irgendeinem fällt immer etwas ein. Andere greifen die Ideen auf, entwickeln weiter, verbessern, ergänzen, prüfen, verwerfen, sortieren aus, denken weiter, … Das Problem, der Crowd ist nicht, dass es zu viele, sondern dass es zu wenige sind. Zu wenige, die eingreifen, kommentieren, korrigieren, weiterentwickeln. Beteiligen sich zu wenige an einem Projekt, muss es einen skeptisch machen, weil die Korrektive fehlen und sich dadurch einseitige Bewertungen und Sichtweisen durchsetzen.

Intelligenz im System
Crowdsourcing setzt die typische Arbeitsweise unserer Gesellschaft außer Kraft. Heute sind die Zeiten der Universalgelehrten lange vorbei und doch praktizieren wir in unserer Arbeitswelt noch primär dieses Prinzip, um Dinge zu erarbeiten. Einer muss die Federführung haben, einen Plan machen, Aufgaben verteilen, Arbeitsschritte überwachen, Ergebnisse zusammenführen und am Schluss nochmal drüber schauen, als könnte er alles überblicken und verstehen. Die Welt und die Aufgaben, die sie stellt, ist aber viel zu komplex, als dass noch ernsthaft jemand die Rolle des einen Lenkers und Steuermanns einnehmen könnte. Je komplexer die Fragestellung, desto unglaubwürdiger der (Projekt-)Manager, der alles klar strukturiert und berechenbar durchorganisieren möchte. Das Crowdsourcing operiert mit anderen Gesetzen. Es geht darum die Rahmenbedingungen und Spielregeln zur Erarbeitung der Aufgaben klar vorzugeben und dann der Crowd die Freiheit zu lassen, innerhalb dieses Rahmens zu agieren. Einer unbekannten Masse an Leuten Freiräume lassen? Einer anonymen Crowd, von der man nicht weiß, wer hier eigentlich was tut und warum. Wenn einen das nicht skeptisch macht, was dann? Doch das, was von außen wie eine anonyme Crowd aussieht, ist von innen betrachtet ein Geflecht von Beziehungen. Menschen nehmen mit dem, was sie tun, auf andere Bezug. Kommentieren, Verbessern, ergänzen, überarbeiten. Es geht um Zusammenhänge, Bezugnahmen, Beziehungen. Und damit um ein zutiefst soziales Geschehen. Was von außen wie eine Crowd aussieht, entpuppt sich innen als Community. Als eine Community von Leuten, die gemeinsam an einer und für eine Sache arbeiten und in ihrer Arbeit aufeinander Bezug nehmen, die über ihre Arbeit in Beziehung stehen, sich aber nie in direktem Kontakt zueinander bewegen. Da ruft keiner den anderen an und sagt, „also, darüber müssen wir nochmal diskutieren“. Da trifft sich niemand und bespricht noch mal den letzten Entwurf. Und doch kommt etwas Brauchbares dabei heraus. Dass dies funktioniert, basiert auf dem Prinzip der Selbstorganisation. Da sitzt also keiner oben (hierarchisch) und gibt den Ton an und organisiert und managed einen Trupp von Zuarbeitern, denen man die Aufgaben zuweisen muss, die man anweisen muss, wie es am besten zu machen ist, und der das Ergebnis danach kontrolliert. Nein. Da reagieren Leute aufeinander bzw. auf Statements, Arbeitsergebnisse, Entwürfe. Da suchen sich Leute ihre Aufgaben und Themen, da docken Leute an, kommentieren, verwerfen, … Jeder in seinem Bereich, jeder für einen kleinen Ausschnitt, für den er sich kompetent fühlt, in dem er etwas sagen kann. Und genau das ist die „Intelligenz“, die im Crowdsourcing zum Tragen kommt. Es ist nicht (primär) die Intelligenz der Menschen, die sich beteiligen, als vielmehr die Intelligenz des Systems, in dem sie (zusammen-)arbeiten.
So betrachtet, ist die Angst vor der „Intelligenz der Masse“ unbegründet. Es stellt sich aber die Frage, wozu das Ganze. Was bringt das? Außer dass es gerade in Mode ist und man immer etwas braucht, das gerade in Mode ist und über das man sprechen kann.

Wozu braucht man Crowdsourcing?
Crowdsourcing braucht man dann, wenn ein Einzelner oder eine definierte Gruppe von Leuten das Gleiche nicht auf die Beine stellen könnten. Das heißt, wenn ein Einzelner oder ein herkömmliches Zusammenarbeitsmodell eine Sache genauso gut, genauso schnell, genauso facettenreich, etc. machen kann, dann braucht man keine Crowd.
Jetzt ist es aber so, dass die Crowd tatsächlich einige Dinge leisten kann, die in einer normal „gemanagten“ Zusammenarbeit so nicht zustande gebracht werden können. Es geht um Bandbreite und Buntheit. Es geht um Umfang und Schnelligkeit.

Ein beeindruckendes Beispiel war die Initiative „Guttenplag“, die in der Plagiatsaffäre um K.T. zu Guttenberg umfassend und schnell aufdeckte, was aufzudecken war. Hätte man eine Kommission hochdekorierter Herren (und Damen) einberufen, läge heute bestimmt noch kein Ergebnis vor. Wahrscheinlich – um es überspitzt zu sagen – würden sie heute noch daran sitzen, über die Vorgehensweise zu diskutieren, die zur Aufarbeitung des Materials adäquat wäre, und über die Regeln, die von allen in gleicher Weise angewandt werden sollten. Eine Diskussion also über die Prinzipien des „hierarchischen“ Arbeitsmodells.
Details unter http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki

Ein Beispiel für den Facettenreichtum und die Buntheit aus Crowdsourcing gibt mein eigenes Literaturprojekt „Streetview Literatur“. Dort sammle ich Kurzgeschichten vieler verschiedener Autoren zusammen und verknüpfe sie über Straßenangaben zu einem Geflecht. Für das Ergebnis macht es einen riesigen Unterschied, ob die Geschichten, die in das Projekt einfließen, von einem einzelnen Autor oder meinetwegen auch von einer festgeschriebenen Gruppe von Autoren geschrieben wird oder von einer Unzahl heterogener, unabhängiger, unverbundener Autoren. Jeder wie er möchte, jeder wie er denkt, jeder darüber, was ihn beschäftigt. Das eine gibt einen Blick auf das Leben, wie eine bestimmte Gruppe von Leuten es sieht und dieser Blick variiert stark je nachdem, wer dort schreibt. Das andere spiegelt die Bandbreite des Lebens selbst (vorausgesetzt die Masse der Autoren ist groß genug). Da entsteht etwas, das einer allein niemals in dieser Form erschaffen könnte.
Details unter http://marionschwehr.de/streetview-literatur/

Und das ist tatsächlich etwas, das einem Angst machen kann. Wir, die wir in unserer Kultur so sehr auf Einzelleistungen fokussiert, ja getrimmt sind, die wir Schwierigkeiten haben, die Leistungen von Gruppen tatsächlich als Gruppenleistungen zu würdigen, ohne in den Reflex zu verfallen, einen herauszupicken, der den Erfolg in ganz besonderer Weise ermöglicht, ja geradezu erzwungen hat. Wir, die wir unsere Helden – den Manager, den Wissenschaftler, den Sportler, den Autor,… – ehren und bewundern, sollen nun einsehen, dass es Dinge gibt, die die große „dumme“ Masse besser kann. Das ist ja wirklich zum Fürchten.

Berichte und Kommentare zum Buchcamp Berlin, auf dem unter dem Titel „Kreativplattform Buch – durch Crowdsourcing zum Verkaufsschlager?“ über Crowdsourcing referiert und diskutiert wurde, gibt es hier:

http://www.boersenverein.de/de/portal/BuchCamp_Berlin/444006

http://www.e-book-news.de/der-leser-hat-das-wort-crowdsourcing-in-der-verlagsbranche/

http://www.litaffin.de/veranstaltungen/buchcamp-berlin-visionen-zulassen-oder-wie-sexy-ist-ein-ebook-reader/

http://www.buchmesse.de/blog/de/2011/05/20/buchcamp-goes-berlin/

http://www.boersenblatt.net/443841

http://www.kohlibri-blog.de/2011/05/sourcrowdsourcing/

 

Published inInnovation - gedacht, gesagt, getan