Zum Inhalt

#outofblue auf dem #zf42 Netzkongress

* Diesen Vortrag habe ich auf dem Zündfunk Netzkongress gehalten. Gleichzeitig zu meinem mündlichen Vortrag twitterte Christian Gries ergänzende, erklärende, beispielhafte, aber auch zerstreuende und verwirrende Anmerkungen, so dass im Gesamten beim Zuhörer vielleicht mehr entstand als nur ein klares Bild. Das Konzept des Vortrags lässt sich hier im Blog nicht adäquat abbilden, da mündlicher Vortrag und Tweets, die parallel abliefen, hier in eine lineare Abfolge gebracht werden müssen. Deshalb habe ich nur einige wenige Tweets ausgewählt und in den Ablauf des Textes eingebaut.


Out Of The Blue – Literatur neu denken

Wir starten mit der These: Das Internet verändert die Literatur. Nicht nur die Formate, Vertriebswege, Geschäftsmodelle, die gesamte Buchbranche, sondern tatsächlich die Literatur selbst. Und zwar so tiefgreifend wie die Fotografie die Malerei veränderte vor gut 100 Jahren. Durch die Existenz des Internets wird eine neue literarische Form entstehen. Gemeint ist hier nicht „Netzliteratur“ mit ihrem Nischendasein, sondern tatsächlich ein neues literarisches Genres. Eines, das den Roman in seiner Bedeutung und Präsenz als bestimmendes und allgegenwärtiges Genre ablöst.

Writing is fifty years behind painting. Diese Aussage ist 50 Jahre alt. Zu einem Quantensprung innerhalb der Literatur kam es in den vergangenen 50 Jahren nicht. Man kann heute getrost sagen: die Literatur hängt der Kunst 100 Jahre hinterher.

Welchen Bezugspunkt hat denn diese Einschätzung? Was ist vor damals 50 und jetzt 100 Jahren passiert, das zu einem so zentralen Referenzpunkt werden konnte? Anfang des 20. Jahrhunderts vollzog sich in der Kunst eine epochale Wende. Die Kunst bzw. die Malerei hat sich ganz neu erfunden. Und zwar in ihrem Weg in die Abstraktion, als Reaktion auf die Fotografie, die die Darstellung des Gegenständlichen, also der Lebenswelt viel naturgetreuer leisten konnte. Kandinsky hat über diesen epochalen Weg in die Abstraktion in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ reflektiert. Malewitsch hat das schwarze Quadrat gemalt. Interessant ist für uns, dass dieser Sprung innerhalb der Malerei durch eine technologische Neuerung (die Fotografie) ausgelöst wurde. Eine neue Kunstform entwickelte sich aus der Existenz einer neuen Technologie.

Genau diesen Effekt kennt die Literatur in ihrer Geschichte auch: Die Erfindung des Buchdrucks (als neue Technologie) hat die literarische Form des Romans hervorgebracht. Der Roman – diese lange, komplexe, große literarische Form – hätte weder im Weitererzählen funktioniert noch im handschriftlichen Abschreiben. Der Roman wäre ohne den Buchdruck nicht denkbar gewesen. Dass eine Technologie eine neue künstlerische Form schafft, ist also auch in der Literatur nicht neu. Dass ein solcher Effekt auch durch das Internet eintreten kann, also das Internet eine neue literarische Form hervorbringen kann, ist naheliegend.

Was die Fotografie für die Malerei war, ist das Internet für die Literatur. Warum ist das so? Das Internet führt einen Paradigmenwechsel herbei. Der Buchdruck und die aus ihm entstandene Literatur agierte unter dem Paradigma der „Verteilung“. Dies bedeutete Konzentration auf Inhalte und die Vermittlung dieser Inhalte. Die gesamte Buchbranche ist auf diese Verteilung von Inhalten ausgerichtet. Das Internet ersetzt nun das Paradigma der Verteilung durch das Paradigma der „Beteiligung“. Diese Denkweise ist für die Literatur neu. Während die Kunst den Betrachter schon lange zum Beteiligten gemacht hat, muss dieser grundlegende Paradigmenwechsel in der Literatur erst noch vollzogen werden.
Wenn man diesen Paradigmenwechsel in einzelnen Punkten durchdenkt, kommt man nicht automatisch zu einem Bild der neuen Literatur. Es entsteht vielmehr ein Eindruck davon, was alles zur Disposition steht.

Da gibt es unzählige Punkte. Ich will hier exemplarisch zwei Punkte herausgreifen, die mir besonders wichtig erscheinen:

Autorenrolle
Die Frage, was ist ein Autor, ist eine, die uns schon seit Jahrzehnten beschäftigt – und zwar in der Theorie. In der Praxis war sie mehr oder weniger irrelevant. Der Autor hat sich einfach hingesetzt und geschrieben. Der Autor als Genie, der im stillen Kämmerchen um seine Worte und Texte ringt. Ein Beispiel dieser Autorenrolle ist Thomas Mann, der sich besonders erfolgreich als genialer Autor inszenierte. Und dieses Muster wirkt bis heute. Wenn man heute Autoren (auch bekannte Autoren) fragt, wer ihr Vorbild ist, dann wird ganz oft Thomas Mann genannt. Ich wage zu behaupten, dass dies weniger mit dem zu tun hat, was Thomas Mann geschrieben hat, als damit, dass er genau diese Art von Autorenrolle verkörperte. Derzeit – unter dem Paradigma der Beteiligung – öffnet sich die Autorenrolle. Wenn sich Autoren nun in öffentlichen oder halböffentlichen Schreibprojekten über die Schulter schauen lassen, trägt das dem Paradigma der Beteiligung Rechnung. Diese Autoren nehmen die Digitalisierung Ernst und setzen sich mit ihr auseinander. Sie spüren das Bedürfnis zur Teilhabe. In diesem öffentlichen Schreiben denken sie die Autorenrolle aber nicht neu. Im Gegenteil: diese Autoren zelebrieren und inszenieren sich als geniale Autoren vor ihrer Jünger- und Leserschaft. Dies ist kein Zukunftskonzept, sondern Retro: das Modell „Stefan George“, der wie kaum ein anderer diese Rolle zelebrierte und seine Jüngerschaft und Bewunderer um sich scharte. Ein solches Autorenmodell bietet keinen fruchtbaren Ansatz, um die Autorenrolle zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

Dabei gab es Autoren, die eine zukunftsweisende Autorenrolle bereits praktiziert haben, z.B. Walter Benjamin.

 

Walter Benjamin hat in seinem Passagenwerk gezeigt, dass Autorschaft auch anders funktionieren kann. Das war bereits 1927 bis 1940. Sein Passagenwerk, in dem er ein Bild der Stadt Paris im 19. Jahrhundert gibt, besteht aus „Aufzeichnungen und Materialien“, Notizen und Exzerpten, die er zusammengesammelt hat. Rund 75 % des Textes stammen nicht (primär) von ihm. Diese Autorenrolle zeigt sich heute als zeitgemäßes und zukunftsweisendes Konzept. Der Autor, der sich vom klassischen Schreibprozess verabschiedet. Der Autor, der andere beteiligt, indem er deren Texte als Material aufgreift, auswählt, weiterverarbeitet. Der Autor als derjenige, der Vielstimmigkeit verarbeitet. Der Autor als Schöpfer – aber nicht Genius (à la T. Mann), sondern Schöpfer aus dem Vollen. So entsteht eine subtile, vielschichtige und anspruchsvolle Art der Beteiligung am Entstehen eines Textes. Und es entsteht eine ganz andere Art von Texten. Texte, die nicht von der Einheitlichkeit des Geschriebenen leben, sondern dem Widerstrebenden und Vielschichtigen Rechnung tragen. Texte, die nicht in sich abgeschlossen sind, sondern die Bezüge, Kontexte, Konnotationen ihres Materials sichtbar machen und nutzen.

 

Texte, denen es nicht um den Inhalt im herkömmlichen Sinne geht. Damit sind wir beim zweiten zentralen Punkt: dem Inhalt eines Textes.

Inhalt
Das Gutenberg-Paradigma der Verteilung zielt auf die Vermittlung von Inhalten, auf den Inhalt selbst. Es geht darum, etwas auszudrücken, sich auszudrücken. Im Schreiben wie im Lesen geht es um die Suche nach Bedeutung. Die Bedeutung hinter den Worten. Literarisch hochstehende Texte zeichnen sich geradezu durch das Spiel mit Bedeutungen aus, wenn also eine Vieldeutigkeit oder eine Diskrepanz zwischen Zeichen und Bezeichnetem besteht und diese spielerisch sichtbar gemacht werden kann. Metaphern funktionieren so. Dagegen geht es im Paradigma der Beteiligung nicht darum, was die Worte bedeuten, sondern was sie tun.

 

Es geht nicht darum, Zuschauer zu sein, sondern Beteiligter. Da frägt keiner, was der Text meint, sondern was passiert und zwar nicht im Text, sondern durch den Text. Das heißt, Literatur bekommt eine performative Komponente. Durch den Text, also ausgelöst durch den Text findet etwas statt. Der Text funktioniert wie ein Computercode. Er setzt etwas in Gang. Der Text wird zum Ereignis, zum Erlebnis. Wichtig ist: Das Erleben findet nicht im Text statt (indem man das im Text Beschriebene miterlebt), sondern es findet durch den Text statt. Der Text löst etwas aus. Das ist eine Verschiebung weg vom Inhalt, hin zum direkten Erleben ohne Umwege über das Verstehen, ein Irrlauf im Kopf (oder sonst wo) wie Herta Müller es nennt, der mehr beinhaltet, als nur das, was mit Worten ausgedrückt werden kann.

Vladimir Sorokin hat bereits 1989 (erschienen 1994) gezeigt, wie so etwas gehen kann. In seinem Roman „Roman“. Nicht nur, dass er Roman/den Roman sterben lässt: Sein Roman endet nach 200 Seiten rhythmisch zerstückelten Sätzen mit „Roman starb“. Interessant ist, was Sorokin an die Stelle der Fiktion/Idylle setzt – nämlich das Konzept der Erhabenheit. Anstatt eine Geschichte (weiter-) zu erzählen, löst er ein Erlebnis aus – das Erleben eines erhabenen/erhebenden Gefühls. Nach Kant kann kein Objekt der Anschauung als erhaben bezeichnet werden. Erhabenheit ist ein ästhetisches Gefühl, also eine subjektive Empfindung, die im Betrachter stattfinden muss. Dies ist für unseren Zusammenhang entscheidend, weil es nicht um die Eigenschaft einer Sache geht, die dargestellt werden kann (Inhalt), sondern um ein Erleben, das erzeugt werden muss (Erlebnis/Ereignis). Sorokin setzt an die Stelle der Idylle/der Fiktion/ der Geschichte/ des Inhalts die Ahnung von der Idee der Erhabenheit. An die Stelle der Darstellung – die Erhabenheit kann ja selbst nicht dargestellt werden – tritt das Erleben dieser Erhabenheit. Statt etwas zu beschreiben, wird etwas ausgelöst. Statt etwas darzustellen, wird etwas verkörpert. Da findet etwas statt – nicht mehr im Text, sondern durch den Text. Inwieweit dieser Blick auf die Idee tatsächlich realisiert wird, hängt allerdings am Betrachter/Leser. Der Rezipient muss das erhabene Gefühl realisieren. Nur er kann das Erleben verwirklichen.

Wir – die Kulturkonsorten und ich – haben selbst mit so einer „Idee“ experimentiert. Nicht mit der Erhabenheit, sondern mit dem Konzept der Abstraktion. Wir haben ausprobiert, ob sich die Idee der Abstraktion auch in der Literatur erleben lässt und uns literarisch auf die Fährte der Abstraktion gemacht. In Form eines Tweetups im Haus der Kunst. Dort haben wir in einer Ausstellung, die es gar nicht gibt, über abstrakte, vor Ort nicht vorhandene Werke getwittert. Also die abstrakte Kunst nochmal abstrahiert. Und diese Tweets (um die 1000 Stück) habe ich dann zu einem literarischen Text verarbeitet. Ohne zusätzlichen, selbst verfassten Text. Lediglich durch Auswahl, Verkürzen, Arrangieren und Wiederholungen. Stichwort: der Autor als „Schöpfer“ und Kurator! In dem Text, der daraus entstanden ist, geht es nicht darum, zu benennen, was Abstraktion ist, sondern Abstraktion durch den Text erlebbar zu machen. Man muss sich durch die imaginierten Bilder arbeiten, um am Schluss die Abstraktion, das Rauschhafte, den Flow (wie es einige Teilnehmer benannt haben) zu erleben.

Für beide Beispiele gilt: An die Stelle der Fiktion, der Geschichte, des Inhalts, der Darstellung, des Gegenstandes rückt das Ereignis, das Erleben, die Idee, das Undarstellbare, die Abstraktion, die Beteiligung.

 

Durch die Digitalisierung rückt die Literatur näher an die Kunst heran. Nicht nur zeitlich gesehen, im Schließen der Lücke von 100 Jahren, sondern auch methodisch. Der Autor als Kurator. Ereignis statt Gegenstand/Inhalt. An die Stelle der Darstellung tritt das Erleben des Undarstellbaren. Das sind alles Dinge, die man aus der Kunst schon kennt. Die nun aber mit den Mittel der Literatur bearbeitet, erschaffen, erfunden werden. Was da entsteht, sieht oft im Entstehungsprozess nach Kunst aus, ist aber im Ergebnis Literatur. Oder ist diese Unterscheidung, wenn man mal so weit ist, gar nicht mehr wichtig?

 

Published inInnovation - gedacht, gesagt, getanOut Of The Blue - Literatur neu denken