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Tweetups als Marketing oder Kunst

Wir alle kennen den Tweetup als Mittel zur Kulturvermittlung, als Marketinginstrument für Kultureinrichtungen, um Aufmerksamkeit für ihre Ausstellungen, Aufführungen, Aktivitäten zu bekommen. Aber es gibt auch den Tweetup als künstlerisches Mittel. Den Tweetup als Instrument um ein künstlerisches (in meinem Fall ein literarisches) Element zustande zu bringen. Bei dieser Art von Tweetup geht es nicht darum, etwas zu vermitteln, sondern etwas hervorzubringen, etwas stattfinden zu lassen.

Marketing oder Kunst?
Meine These ist: Der Unterschied liegt im Performativen.

Ich gebe zwei Beispiele: im Kontext der Kunst den Tweetup #outofblue, im Kontext des Theaters die #flegel des Residenztheaters.

#outofblue
Bei #outofblue (Details zum Konzept gibt es hier) ging es darum, Abstraktion zu praktizieren. Also Abstraktion tatsächlich unmittelbar zu erleben und stattfinden zu lassen. Um Vermittlung von Kunst, von Kunstwerken oder auch von Abstraktion ging es in diesem Tweetup an keiner Stelle. Tatsächlich war von außen – also im Netz – kaum nachvollziehbar, was wir da machten. Auch der literarische Text „Engelvariationen„, den ich aus den 1000 entstandenen Tweets arrangiert habe, zielt darauf, Abstraktion erlebbar zu machen. Auch dem Text geht es um erneutes Erleben lassen und Praktizieren der Abstraktion.

#flegel
Das Residenztheater setzte die Twitterati in Jean Pauls Flegeljahre auf die Bühne und machte sie so zum Teil der Aufführung. Und das in einem Stück, in dem es ohnehin ums Schreiben geht und die Frage, wer schreibt hier eigentlich was. Das Residenztheater hat mit dem Tweetup von der Bühne, das Thema des Stücks nicht nur aufgegriffen, sondern nochmal zusätzlich bespielt und verhandelt. Und natürlich auch hier in performativer Art und Weise. Schreiben wird hier nicht nur thematisiert, sondern praktiziert. Interessanterweise ist es da erstmal egal, was geschrieben wird. Wichtig ist, dass geschrieben wird. Es geht um die Aktion, den Prozess. Um die Performance, die etwas hervorbringt. Und tatsächlich kommt hier – entgegen der normalen Praxis, dass ein Text auf die Bühne gebracht wird – ein Text (bzw. Textmaterial) von der Bühne. Auch aus diesen Tweets habe ich natürlich einen literarischen Text gemacht – mit dem Titel „Let´s get the party started, ihr Flegel!“.

Das, was geschieht, geschieht in und durch die Tweets!
In beiden Beispielen ging es also nicht um die Vermittlung von Inhalten nach draußen, in die digitale Welt, um das Geschehen einem weiteren Kreis zugänglich zu machen. Beide Tweetups sind keine Vermittlungs- und Marketingtweetups. Nein, beide Tweetups funktionieren, indem sie etwas praktizieren.

Diese Tweetups, die auf einem künstlerischen Konzept basieren, machen den Betrachter zum Beteiligten. Der Teilnehmer ist nicht nur Beobachter, sondern elementarer Bestandteil des Zustandekommens. Er ist also nicht nur ganz nah dran am Geschehen, sondern er bringt das Geschehen hervor. Das, was geschieht, geschieht in und durch die Tweets. Dieses performative Element ist es, das Tweetups für Kunst und Theater interessant macht. Für die Literatur ist ein konzeptionell umgesetzter Tweetup sogar ein Mittel zur Versprachlichung von Beteiligung. Ein Transportmittel von Performativität in Sprache. Und deshalb von enormem Potenzial für die Literatur.

Es ist an der Zeit, über das kreative Potenzial konzeptioneller Tweetups vertiefter nachzudenken. Und in Kunst, Theater, Literatur zu experimentieren, sich mehr einfallen zu lassen, mehr zu wagen.

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Fragen dazu wurden bereits an der Konferenz „Theater und Netz“ aufgeworfen.
Vielleicht ergibt sich am StARTcamp München  unter dem Motto „digitales.weiter.denken“ Gelegenheit weiter zu denken.

Veröffentlicht inInnovation - gedacht, gesagt, getanOut Of The Blue - Literatur neu denkenunwritten - aus der Reihe