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Die Metamorphose eines Kunstwerks

Zu Erleben war die Verwandlung eines Kunstwerks. Von einer Skulptur zu einem Text. Eine Transformation von einem Medium in ein anderes. Just in front of us – und sogar durch unsere Mitwirkung. Durch uns.

Ausgangspunkt dieser Metamorphose war die Ausstellung „David Shrigley. Drawing“ in der Pinakothek der Moderne. David Shrigley hat eigens für diese Ausstellung eine Skulptur geschaffen, die in einem „secret room“ lediglich für 100 ausgewählte Personen zu sehen war. Darunter Zeichner und Twitterati, die die Skulptur in Bild und Wort transformierten. Daraus sind 200 Zeichnungen entstanden und um die 800 Tweets. Diese Tweets habe ich zu dem literarischen Text „In the name of art we tweet“ verarbeitet. Ohne zusätzlichen, selbst verfassten Text hinzuzufügen. Allein durch Auswahl, Verkürzen, Arrangieren und Wiederholungen.

Noch vor Ausstellungseröffnung wurde die „Secret Sculpture“ zerstört. Was bleibt sind Zeichnungen, Tweets und dieser Text.

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In the name of art we tweet

Just in front of us! Secret Sculpture. Weiß. Simpel. Pur. Das Innerste. Ich stehe davor! The artist himself is present… Es gilt: Fotoverbot! Ab jetzt! Mit Worten skizzieren. In the name of art we tweet – helping to transform an artpiece into drawings and tweets. Erste Reaktionen. Grinsen. Überraschung. Wow! In the center of attention tall white skeleton. Oha, ein weißes, legeres Skelett mit weißer Wuschelfrisur, schwarzen Augen, umringt von Zeichnern sämtlichen Alters. Gespannte Stille im Saal! Erstaunliche Stimmung, nahezu andächtig. Weiß. Simpel. Pur. Das Innerste. Secret Sculpture.

Much bigger than I expected. Die Secret Sculpture ist schätzungsweise knappe 3 Meter hoch. Skulptur posiert mitten im Raum, Kontrapost mit Bein aufgestellt. Ein Skelett, übermenschengroß, heroisch aufrecht stehend, das Bein abgewinkelt, forscher Blick und fesche Frisur – etwas ergraut. Skelett steht verdammt cool da. Eine Hand liegt neckisch auf einem Hüftknochen. Ich bin ein Entdecker!-Pose. The Spectre: “a mental representation of some hunting experience”. Also: tatsächlich. Die Skulptur ist eigenartig, – sie legt das Komische und das Schreckliche schonungslos offen.

The Secret Sculpture seems to be lonely. But not desperate! Mit leeren Augen und in einem leichten Lächeln schaut es über unsere Köpfe hinweg. Stille im Saal, das Kratzen der Stifte. Stehe hinter zwei Zeichnern. Sie links sitzend. Graue Zeichnung auf weiß. Er auf dem Boden kniend. Alle Farben des Regenbogens. Zehn Zeichner vor „Secret Sculpture”. Zehn Ideen. Wer sie ohne Original sieht, muss sich fragen: Haben die alle dasselbe gesehen? Any attempt at capturing an object in words or pictures is an interpretation.

Flüstern. Trappeln. Das Schrappen der Kreiden auf Papier. Neben mir malt der Gerichtszeichner die Skulptur mit Aquarellfarben. Die Aquarellzeichnung verwandelt das Skelett in einen älteren lebendigen Herrn im Anzug. Unter der Buntheit der Kleidung ist die Weißheit der Knochen versteckt.

Eine Skulptur wie ein Blick auf die Absurdität menschlicher Existenz. Der Tod? Für mich nicht. Mehr ein Über Leben. Über Mensch! Shrigley steht übrigens mit dem Smartphone in der Hand und guckt Fußballergebnisse nach. Ein unproportioniertes, karikaturhaftes Skelett in klassischer Heldenpose und im lockeren Kontrapost mit Wuschelmähne.

Ein Jammer, dass sie München nicht überleben wird. Wie wird der Raum wohl wirken, wenn die Secret Sculpture zerstört ist und an Stelle dessen die Zeichnungen an der Wand hängen? Freut euch auf die Ausstellung! Schreiben und Zeichnen, um “es” am Leben zu erhalten. In the name of art we tweet – helping to transform an artpiece into drawings and tweets. Twittern, zeichnen, twittern, gleich ist die Zeit um.

Mag es nicht wirklich und habe doch Mitleid mit ihm. In zwei Tagen ist es weg. Ob es etwas ahnt? Vielleicht denkt die Secret Sculpture grad übers Älterwerden nach? Ob die grau gelockte Pracht Echthaar ist? Engelshaar!

Was hat die Secret Sculpture mit mir gemacht? Sie lädt mich zum Lächeln ein. Gibt Zuversicht. Obwohl sie ‘nur’ ein Skelett ist. Reduzierung aufs Wesentliche. Sie sieht irgendwie freundlich aus. Für mich hat sie etwas Beruhigendes. Wohin führt mich dieses Wesen? Nobody is laughing out aloud, but the silent sizzling tells me that everyone is grinning inside. Comical comic-strip skeleton.

“Es geht nicht um das Zerstören der Skulptur, sondern um das Verschwinden.” Wenn das mit den Fotos verboten ist, spürt man den Drang alles konservieren zu wollen. Fotos sind hier vollkommen unnötig. Tusche, Kreide oder Farbstift! Es geht nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden. The secret sculpture still leaves you gaps of emptiness that can be filled with possibilities.

Mir fällt noch einiges ein, was ich zeichnen könnte… I did my own interpretation with small colored lines. Über die Skulptur wird der Blick auf den Menschen plötzlich fremd und seltsam bedeutungsvoll. Es ist eigenartig, skurril, spannend. Shrigleys Kunst handelt irgendwie immer vom Menschen und seinem jämmerlichen Kampf ums Glück. Weißes Gipsskelett mit weißer Mähne, rabenschwarzen Augen, verkniffenem Mund und 1000 verschiedenen Assoziationen.

Wenn die Skulptur zerstört wird, wird dann der Tod besiegt? Er nimmt uns nicht ernst? Oder eben gerade doch? Sind wir so? “Alle unsere Maschinen sind Bildschirme, wir selber sind Bildschirme geworden …” Der Mensch als überdeterminierter Gegenstand. Passt dazu der von der Seite betrachtete, scheinbar verkniffene Mund des Skeletts? Vielleicht sind in den Augen Kameras angebracht? Und plötzlich werden Twitterer zu Zeichnern. Schon zwei entdeckt, die zeichnen. Drei. Ist das Shrigleys Vorstellung vom Leben danach? Scratching crayons, whispering smiles, the tingling sensation of being a part of art.

Möchte die Secret Sculpture das Geheimnis vom Tod lüften? Was sehen diese Augen? We focus on ourselves, not on the sculpture. Secrets der Ausstellungsbesucher. Weiß. Simpel. Pur. Das Innerste. Ende. Hammer raus.

What the hell are you doing? We are celebrating a tweetup. Mit Worten skizzieren. … eine Transformation in andere Medien. Die Secret Sculpture wird nach ihrer Zerstörung in Zeichnungen und Worten weiterleben. Los, los, los! In the name of art we tweet… In the name of art… Just in front of us!

© Marion Schwehr
aus der Reihe „unwritten“
In the name of art we tweet als pdf

Published inunwritten - aus der Reihe